Die Zivilgesellschaft
Früher wollten Freiwillige der Gesellschaft etwas zurückgeben - heute wollen sie sich verwirklichen. Doch das Engagement wird schwieriger. Das geteilte Land: Einen hohen zeitlichen Einsatz leisten viele Menschen im Süden und Westen der Republik. (Quelle: Süddeutsche, SZ-Graphik: Hanna Eiden; Quelle: AMB Generali)
Von Bärbel Kruse hatten viele Menschen wohl nicht mehr viel erwartet. 25 Jahre hatte die behinderte Frau in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung gelebt. Wieder draußen schloss sich die 60-Jährige dem Verein Mittenmang in Schleswig an und backte Kuchen im Café. Der Verein traute ihr noch mehr zu: Kruse begann, eine behinderte Frau mit schweren Gedächtnisstörungen zu betreuen; diese wollte nach einem Heimaufenthalt in eine eigene Wohnung ziehen. "Trotz ihrer Lebensgeschichte hat sich Bärbel Kruse ihr Interesse für andere Menschen bewahrt und ist wieder aufgeblüht", sagt Nicole Schmidt, Geschäftsführerin von Mittenmang.
Etwa 40 Menschen sind in dem norddeutschen Verein ehrenamtlich für Behinderte engagiert. Auch Betroffene bringen sich ein. "Mittenmang leistet mehr als reine Selbsthilfe. Die Behinderten engagieren sich wie andere auch im sozialen Bereich und wachsen über ihre eigenen Grenzen hinaus", sagt Schmidt.
Jeder dritte Deutsche hilft ehrenamtlich
Mittenmang zeigt eines der neuen Gesichter des Ehrenamts in Deutschland. Traditionell sind die Deutschen oft in Vereinen oder in dauerhaft organisierten Gruppen engagiert. Mehr als 23,4 Millionen Menschen - jeder Dritte - arbeiten unentgeltlich etwa als Trainer im Sportverein, als Mitglied der Pfarrei oder im Naturschutzbund. 4,6 Milliarden Stunden leisten die Menschen ohne Entlohnung pro Jahr. Anders als früher beteiligen sich viele aber lieber an zeitlich begrenzten Projekten; wie Bärbel Kruse an der Integration ihres Schützlings.
Der Grund: Eine lange Bindung an einen Verein passt nicht mehr ins Lebenskonzept. "Man bleibt nicht mehr von der Wiege bis zur Bahre in einer Organisation", sagt Susanne Lang vom Centrum für Corporate Citizenship Deutschland. Das liegt auch an der Mobilität, die von Arbeitnehmern verlangt wird: "Menschen ziehen beruflich bedingt häufiger um als früher", sagt Politikwissenschaftlerin Lang. Das trifft auch ortsgebundene Organisationen wie die freiwillige Feuerwehr, die den Nachwuchs meist aus eigenen Reihen rekrutierten. Auch den Wohlfahrtsverbänden laufen Mitarbeiter davon.
Die Flexibilisierung von Arbeitszeiten erschwert zudem das Engagement. Wie soll eine Nachwuchs-Führungskraft jeden Montag ab 19 Uhr die Fußballzwerge trainieren, wenn häufig Dienstreisen oder ein spontanes Meeting mit dem Chef anstehen? "Es ist ein Dilemma", sagt Annette Zimmer, Professorin der Universität Münster im Stiftungsreport. "Jene, die in Vereinen Verantwortung übernehmen, müssen in ihren Berufen immer mobiler sein." Vereine müssten darauf reagieren und die Mitarbeit in überschaubaren Projekten anbieten, fordert sie.
Stärker als früher aber sind Menschen durch eigene Probleme motiviert: So wurden zuletzt viele Selbsthilfegruppen von Patienten gegründet. Auch engagieren sich etliche Ältere in der Pflege - sie sind künftig selbst betroffen. Zudem finden auch solche Initiativen Zuspruch, in denen Beteiligte etwas lernen und sich selbst verwirklichen können. "Wer sich ausprobieren möchte, will nicht jede Woche an einer Sitzung teilnehmen", sagt Lang. Auch Vereine müssten auf solche Wünsche reagieren und mehr Fortbildungen anbieten, meint Professorin Zimmer: "Wie dies Unternehmen tun."
Egal welcher Art von Engagement: In Deutschland engagieren sich die Menschen unterschiedlich, haben viele jüngere Studien ermittelt. Im Süden mehr als im Norden und im Westen mehr als im Osten. Das liegt auch an folgenden Einflussfaktoren: Je höher der Bildungsgrad ist, desto stärker ist das freiwillige Engagement. Dasselbe gilt für das Niveau des Einkommens: Wer mehr verdient und wer in der Kirche ist und Kirchensteuer zahlt, bringt sich - obwohl er oft viel zu tun hat - häufiger in die Gesellschaft ein als andere. Die Abhängigkeiten gelten auch anders herum: Arbeitslose und bildungsärmere Schichten engagieren sich seltener.
Wie sehr die Wirtschaftskrise die Zivilgesellschaft trifft, zeigt eine Emnid-Umfrage: So befürchten 55 Prozent der Deutschen, dass das freiwillige Engagement abnehmen werde. Einspringen soll dann der Staat, haben die Meinungsforscher ermittelt. Wenn es im konjunkturellen Abschwung zu einem deutlichen Spendenrückgang kommen sollte, befürworten drei Viertel der Deutschen staatliche Hilfsprogramme für gemeinnützige Organisationen. Das dürfte das Grundverständnis vieler Deutscher widerspiegeln: Selbstbewusst wird ziviles Engagement neu ausgelebt, wo der klamme Staat sich zurückzieht. Aber in der Not soll er es doch noch richten.


