Kopernikus
Der Astronom Nikolaus Kopernikus schuf ein neues Weltbild. Es war eine Revolution, die weit über die Naturwissenschaften hinausreichte. Der alte Mann lag im Sterben, als sie ihm das erste Exemplar seines Werks noch druckfrisch ans Bett brachten. Rund 400 Seiten, geschrieben auf Latein, der Sprache der Gelehrten. "De revolutionibus orbium coelestium" - "Über die Kreisbewegungen der Himmelskörper" hieß das Buch, an dem der Meister wohl mehr als 20 Jahre gearbeitet hatte, gefeilt, verbessert, immer wieder korrigiert. Nun endlich war es fertig, aber konnte er es noch wahrnehmen, sich gar freuen? So lange hatte er gezögert, seine neue Theorie zu veröffentlichen, aus Angst vor der Reaktion der akademischen Welt, aus Sorge, sich womöglich lächerlich zu machen. Tatsächlich bedeutete das, was der Astronom Nikolaus Kopernikus 1543 mit seinem Kompendium präsentierte, eine Revolution: ein neues Weltbild, das mit der althergebrachten Ordnung brach. Nicht die Erde, behauptete der Wissenschaftler, sondern die Sonne bildet den Mittelpunkt des Universums. Und: Die Erde ruht nicht still und fest verankert, sie bewegt sich.
Damit formulierte er nicht nur ein neues astronomisches Modell, er erschütterte ein ganzes Glaubenssystem. Kopernikus, urteilte der Philosoph Ludwig Feuerbach im 19. Jahrhundert, habe "die Menschheit um ihren Himmel gebracht". Die bisher so fest und sicher geglaubte Heimstatt Erde schwankte.
Als der Sohn eines reichen Kaufmanns aus Thorn an der Weichsel 1491 sein Studium der Astronomie sowie Dialektik, Grammatik, Rhetorik, Arithmetik, Geometrie und Musik an der Universität Krakau begann, war der Kosmos ein klar umgrenzter Raum: Er bestand aus einer gewaltigen Hohlkugel, an deren Innenseite die Fixsterne klebten. In der Mitte ruhte die Erde als winzige Kugel. Um sie kreisten die Planeten in eigenen Sphären. So sah man die Welt seit der Antike. Aristoteles, der große griechische Philosoph, hatte schon im 4. Jahrhundert vor Christus die Vorstellung von der Erde als Mitte des Universums geprägt. In Alexandria formte der vielseitige Gelehrte Ptolemäus etwa 500 Jahre später dieses geozentrische Weltbild zu einem komplexen Modell aus, seitdem wurde es nach ihm benannt.
Himmel und Sterne hatte Aristoteles in einen unvergänglichen, göttlichen "Äther" entrückt. Die Himmelskörper in ihren kristallenen Sphären galten als beseelt. Der menschliche Geist konnte diesen Raum nicht wirklich ergründen. So hatte der mittelalterliche Mensch ein wohlgeordnetes, begrenztes Universum vor Augen, er unten, oben Gott, der ihn nach der Mühsal des irdischen Daseins ins Paradies emporhob. Mit Kopernikus geschah ein Stück "Entzauberung der Welt" - Nun, fast 1400 Jahre nach Ptolemäus, kam der Astronom Kopernikus, nebenbei Domherr und Doktor des Kirchenrechts, und baute den Himmel einfach um. "In der Mitte aber von allen steht die Sonne", so lautet der zentrale Satz seines Werks: "Denn wer wollte diese Leuchte in diesem wunderschönen Tempel an einen anderen oder besseren Ort setzen als dorthin, von wo sie das Ganze zugleich beleuchten kann? ... So lenkt in der Tat die Sonne, auf dem königlichen Thron sitzend, die sie umkreisende Familie der Gestirne."
Die Erde war damit bloß noch ein Planet wie alle anderen. "Was für ein Erdrutsch in unserer Vorstellung vom Universum", kommentiert der britische Astrophysiker Stephen Hawking. "Wenn wir uns nicht im Mittelpunkt befinden, hat unsere Existenz dann noch irgendeine Bedeutung? Warum sollte es Gott oder die Naturgesetze kümmern, was auf dem dritten Felsen von der Sonne aus gesehen passiert, jenem Ort, an den uns Kopernikus verbannt hat?" Mit Kopernikus geschah ein Stück "Entzauberung der Welt" durch die Wissenschaft, wie Max Weber es nannte. Der Astronom hatte alles bis ins Kleinste berechnet, mit etlichen Fehlern, wie sich später herausstellte. Auch kam er noch nicht darauf, dass sich die Planeten nicht auf Kreisbahnen, sondern Ellipsen bewegen. Beweisen konnte er ohnehin nichts. Zu seiner Zeit gab es noch nicht einmal ein Teleskop, damit arbeiteten die Forscher erst einige Jahrzehnte später.
Kopernikus verfügte über die damals klassische Ausstattung: Quadrant, Armille, Jakobsstab und Dreistab. Es waren simple Geräte, mit denen man etwa den Winkel eines Himmelskörpers über dem Horizont messen konnte, den Stand der Sonne. Auf dem Dreistab saß nach Art eines Gewehrlaufs eine Visiervorrichtung, die man auf Mond, Planeten oder einen der Sterne richten konnte. Am eindrucksvollsten sah noch die Armillarsphäre aus, eine Art Himmelsglobus mit mehreren gegeneinander verschiebbaren Reifen. Kopernikus hatte seine Instrumente mit Hilfe der uralten Anleitungen des Ptolemäus weitgehend selbst gebaut. Ohne Zweifel verstand er sich aber eher als theoretischer denn als empirischer Astronom. Bis heute wird bezweifelt, dass Kopernikus den astronomischen Umsturz, den er auslöste, tatsächlich so beabsichtigt hatte. Es scheint, als habe er bloß die Planetenbewegungen besser berechnen und harmonischer darstellen wollen, sein Biograf Jochen Kirchhoff spricht von einer "ungewollten Revolution". Aber schmälert das seine Wirkung? Wohl galt er als eigenbrötlerisch und konservativ, doch etwas Grundlegendes verband den Katholiken mit den Denkern der neuen Zeit: Er verehrte die antiken Philosophen, bezog sich auf sie - aber er wollte nicht mehr alles als unumstößlich akzeptieren, was von alters her galt.
Im neuen Konflikt zwischen Glauben und Wissen vertrauten die Forscher der Renaissance ihrer eigenen Vernunft. Mit der Kraft der Erkenntnis, so glaubten sie, konnten sie nicht nur die Dinge der Erde ergründen, sondern auch des Himmels. Damit rüttelten die Wissenschaftler dieser Schwellenzeit auch an der Macht der Kirche, die damals die Autorität über das menschliche Wissen beanspruchte. Theologische Doktrin und biblische Offenbarung galten dem Mittelalter als wichtigste Schlüssel zum Verständnis des Universums. Als Kopernikus 1473 geboren wird, stoßen Europäer auf die Südhalbkugel der Erde vor. Eine portugiesische Expedition überquert bei Afrika den Äquator. Es ist eine Zeit, in der die Menschen Grenzen überwinden, die Welt wird größer. Kopernikus ist 19 Jahre alt, als Columbus Amerika entdeckt.
Eigentlich heißt er Koppernigk oder Kopernik, doch in der Tradition der Humanisten latinisiert er den Namen. Sein Vater stirbt früh, doch Nikolaus hat das Glück, dass sich der einflussreiche Onkel Lucas Watzenrode, später Bischof von Ermland, seiner annimmt. Der besorgt ihm einen einträglichen Versorgungsposten: einen Sitz als Domherr in Frauenburg, eine Art kirchlicher Verwalter. Das Amt bringt ihm ein gutes Auskommen und so viel Freiheit, dass er erst noch mal sieben Jahre in Italien studieren kann, darunter auch Medizin. Hier, im Stammland der Renaissance, trifft er auf kritische Geister, die sich aus den Fesseln der christlichen Schulweisheit befreien. In Bologna, wo er Jura studiert, schließt er sich dem fortschrittlichen Astronomen Domenico Novara an, der an der ptolemäischen Astronomie zweifelt. Hier dürfte Kopernikus auch von alternativen Modellen des Himmelsbaus gehört haben, die es bereits in der Antike gab. Auch einige griechische Philosophen dachten nämlich schon über eine zentrale Rolle der Sonne im Kosmos und die Erdbewegung nach - Kopernikus wird sich später auf sie beziehen.
Zwischen 1504 und 1514, als er nach dem Ende des Studiums seinem Onkel als Sekretär und Leibarzt dient und dann auch endlich die Aufgaben als Domherr wahrnimmt, formuliert er einen groben Entwurf seiner revolutionären Lehre. Zehn Blatt sind es nur, "Hypothesen über die Bewegungen des Himmels", aber schon darin findet sich der unerhörte Satz: "Der Erdmittelpunkt ist nicht der Mittelpunkt der Welt." Auch die Erde drehe sich um die Sonne wie alle anderen Planeten auch. Offen kritisiert er den Altmeister Ptolemäus, bei dem habe er doch "sehr viel Angreifbares" gefunden, besonders über die Geschwindigkeit der Planetenbewegung. Weil sich die Planeten danach unterschiedlich schnell bewegten, sieht er das antike Dogma von der gleichförmigen Kreisbewegung verletzt. So gerät Kopernikus bei der Neuberechnung der Gestirnsbewegungen offenbar immer weiter auf die Bahn, eine neue, stimmige Gliederung des ganzen Planetensystems zu formulieren.
Das Thesenpapier wird in wenigen Exemplaren als Handschrift unter Bekannten und vertrauenswürdigen Gelehrten verteilt. So spricht sich die neue Himmelskunde nur langsam herum. Auch Papst Clemens VII. hört von den kühnen Studien. Noch ist die katholische Kirche vergleichsweise tolerant und aufgeschlossen gegenüber neuen Ideen. So lässt sich der Papst 1533 in den vatikanischen Gärten die kopernikanischen Thesen über die Bewegung der Erde vortragen. Sie können ihn nicht sonderlich empört haben, denn er bedankt sich beim Referenten großzügig mit einer kostbaren griechischen Handschrift. Bald ermuntert der einflussreiche Kardinal Nikolaus von Schönberg, langjähriger päpstlicher Gesandter, Kopernikus sogar, "dass du diese deine Erkenntnisse den Gelehrten mitteilst". Dass der Kirchenmann begriffen haben muss, um was es geht, zeigt sein Lob, "dass du eine neue Ordnung der Welt aufgestellt hast".
Doch Kopernikus zögert weiter. Erst als ihn der junge Gelehrte Georg Joachim Rhetikus, Professor für Mathematik in Wittenberg, aufsucht und 1540 unter einigem Aufsehen einen ersten ausführlichen Bericht über die kopernikanische Theorie veröffentlicht, kann der Astronom nicht mehr zurück. Keineswegs "Neuerungssucht" treibe seinen Lehrer an, betont Rhetikus vorsichtig, nur wenn "gute Gründe und die Tatsachen selbst ihn dazu zwingen", weiche er von den "wohlbegründeten Ansichten der Alten" ab. Luther erregt sich in einer Tischrede über den dreisten Forscher. Seinem Buch stellt Kopernikus sogar eigens eine Widmung an den neuen Papst Paul III. voran. Darin rechtfertigt er sich umständlich, "wie mir der Einfall gekommen wäre, dass ich gegen die anerkannte Meinung der Mathematiker und sogar gegen die allgemeine Anschauung gewagt habe, mir irgendeine Bewegung der Erde vorzustellen". Ungereimtheiten bei Berechnung "der Bewegung der Sonne und des Mondes", führt er an. Vor allem aber hätten die Mathematiker bisher "die Hauptsache, das ist die Gestalt der Welt und das unbestreitbare Gleichmaß ihrer Teile", nicht finden können und damit "kein sicheres Prinzip für die Bewegungen der Weltmaschine".
Als Lösung präsentiert er das heliozentrische Modell - damit ergebe sich ein "bewunderungswürdiges Gleichmaß der Welt", schwärmt Kopernikus. Was er dann auf engbedruckten Bögen in komplizierter Sprache und mit vielen Tafeln belegt, war, so Kirchhoff, "ein erster Schritt in Richtung auf eine grundlegende Neubestimmung der menschlichen Existenz im kosmischen Ganzen". Doch die Würdigung dieser Großtat setzt merkwürdig verspätet ein. Das Buch wird zunächst nur begrenzt in akademischen Zirkeln wahrgenommen. Ausgerechnet der Reformator Philipp Melanchthon greift Kopernikus an und wirft ihm "Geltungssucht" vor. Auch Luther, so ist es überliefert, erregt sich in einer Tischrede über den dreisten Forscher, der verbreite, dass die Erde sich bewege - entgegen der Bibel: "Als ob jemand, der sich im Wagen oder im Schiff bewegt, glauben würde, er bleibe stehen und das Land und die Bäume würden sich bewegen." Aber in der Bibel, beharrt Luther, "hieß Josua die Sonne stillstehen, nicht die Erde". Die Sonne müsse sich also zuvor bewegt haben. Kopernikus missachtet die Autorität der Bibel, die Luther gerade wiederentdeckt, er stellt, das ist das Neue, die Naturwissenschaften über die Theologie.
Doch als das Buch erscheint, trifft es kein Bannstrahl der römischen Kirche. Es dauerte noch einige Jahrzehnte, bis Gegenreformation und Inquisition ihre volle Wucht gegen Freigeister entfalteten - wie Giordano Bruno. Der italienische Dominikanermönch und Philosoph starb am 17. Februar 1600 in Rom als Ketzer auf dem Scheiterhaufen. Gestützt auf Kopernikus hatte er eine eigene Naturphilosophie mit einem unendlichen Weltraum begründet. Er bestritt zudem, dass Jesus Gottes Sohn sei. Den Hauptkampf gegen die neue Weltformel aber focht die katholische Kirche mit dem Mathematiker, Physiker und Astronomen Galileo Galilei. Inzwischen hatte sich das reaktionäre Klima verschärft. Seit 1616 war die Verbreitung der kopernikanischen Lehre verboten, nur als "Hypothese" durfte sie gelten. Ein Karmeliterpater hatte öffentlich darüber räsoniert, dass Kopernikus womöglich gar nicht der Heiligen Schrift widerspreche. Da griff die kirchliche Zensur ein.
Der 1564 geborene Galileo lieferte mit Hilfe seines selbstgebauten Teleskops nun empirische Himmelsdaten, die Kopernikus fehlten. Aber der geachtete Himmelsforscher brach vor allem das kirchliche Tabu und erklärte das heliozentrische Weltbild zur Wahrheit. In seinem meisterhaften "Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme", der 1632 erschien, ließ er zwei Gelehrte über das neue und das alte Universum streiten - über das Ergebnis gab es keinen Zweifel. Ein Dummkopf namens "Simplicio" bekam die Rolle, das ptolemäische Modell - zum Schein - zu favorisieren. Im Büßerhemd wurde der 69-jährige Galileo, selbst ein tiefgläubiger Katholik, 1633 in Rom vor die Inquisition gezerrt. Sie sprach ihn schuldig, weil er "die falsche und den heiligen und göttlichen Schriften widersprechende Lehre für gültig gehalten und gelehrt hat, wonach die Sonne der Mittelpunkt der Welt sei und die Erde sich bewege". Man drohte, ihn zu foltern, da schwor Galilei ab und beteuerte, "dass ich immer geglaubt habe, jetzt glaube und mit Gottes Hülfe in Zukunft glauben werde, alles, was die heilige katholische und apostolische römische Kirche für wahr hält, predigt und lehrt".
Die Kirche brauchte rund 350 Jahre, bis Papst Johannes Paul II. bekannte, die Kirche habe den Kopernikaner Galilei möglicherweise fälschlich verurteilt. Er ließ den Fall neu aufrollen, und so wurde Galilei - und damit indirekt auch Kopernikus - 1992 offiziell rehabilitiert. In der Bibliothek der Vatikanischen Sternwarte in Castelgandolfo steht heute Kopernikus' umstürzlerisches Buch "Über die Kreisbewegungen" ganz selbstverständlich neben Werken von Johannes Kepler und Isaac Newton. Seinen eifrigsten, einst verstoßenen Verfechter Galileo feiert der Vatikan heute sogar als "genialen Forscher und Sohn der Kirche" - eine wahrhaft kopernikanische Wende .
[Quelle und (C), Spiegel, 29.09.2009]


